Sachbuch von Bernd Kollmann – Die Jesus-Mythen

Sensationen und Legenden um Jesus Christus auf dem Prüfstand

17.08.2009 Nicole Korzonnek

Um Jesus Christus ranken sich unzählige Verschwörungstheorien, von denen viele nun durch Professor Kollmann wissenschaftlich fundiert untersucht wurden.

Von den Textfunden aus Qumran und Nag Hammadi, den Ossuaren aus Talpiot und dem angeblichen Knochenbehälter des Jakobus über das Turiner Grabtuch und dem Jesus-Abbild aus Manoppello bis hin zu den wilden Behauptungen, dass Jesus von einem römischen Soldaten gezeugt wurde, mit Maria Magdalena verheiratet war, Nachkommen zeugte und auch nicht am Kreuz gestorben ist – Spekulationen rund um den Messias gibt es wie Sand am Meer. Doch nicht nur Kirchengegner, sondern auch deren Befürworter nutzen sie, um die Bibel zu widerlegen beziehungsweise ihren Inhalt mit geschichtlichen Ereignissen zu stützen. Bernd Kollmann, seines Zeichens Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Universität Siegen, überprüft in seinem Sachbuch „Die Jesus-Mythen“ über zwanzig dieser Legenden auf ihren Wahrheitsgehalt, indem er sich auf historische Fakten und als bereits authentisch befundene Dokumente beruft. Dabei schlüpft Kollmann aber nicht in die Rolle eines Befürworters oder Gegners des zu untersuchenden Sachverhaltes. Er sammelt einfach nur die Fakten und zeigt auf, was stimmt – und was eben nicht. Und genau das unterscheidet ihn von so manch einem seiner nach Sensationen lüsternen Kollegen.

Legendenbildung um das Turiner Grabtuch

Die neutrale Beobachtungsposition von Bernd Kollmann wird vor allem in dem Kapitel über das Turiner Grabtuch deutlich. Hier wird zum einen die Geschichte des Tuches detailliert wiedergegeben und mit Jahreszahlen dokumentiert, bevor die Echtheit der möglicherweise bedeutendsten Reliquie des Christentums durchleuchtet wird. Im Jahr 1988 erlaubte der Vatikan nämlich eine Reihe von Radiocarbontests, die von unterschiedlichen Institutionen unabhängig voneinander durchgeführt wurden. Das Ergebnis war einstimmig: Laut C-14-Methode stammt das Grabtuch aus der Zeit um 1325 und kann somit nicht das Antlitz von Jesus Christus zeigen.

Im Folgenden beschreibt Kollmann die Reaktionen auf diese Entdeckung sowie die unterschiedlichen Erklärungsversuche. Während Kirchengegner eine Vatikan-Verschwörung anprangern und behaupten, dass die Ergebnisse gefälscht seien, um verschweigen zu können, dass Jesus seine Kreuzigung überlebt habe, liefern Kirchenbefürworter Theorien, mit denen sie erklären wollen, warum in dem Tuch so viele Kohlenstoffablagerungen zu finden sind, und dass es trotzdem authentisch ist. Gegner wie Befürworter der christlichen Lehre zweifeln also das Untersuchungsergebnis an, verwenden dabei aber höchst unterschiedliche Argumentationsmethoden. Kollmann zeigt beides auf, überlässt es aber letztlich dem Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden. Diese Vorgehensweise findet sich auch in den unterschiedlichen Kapiteln zu den Evangelien und den Ossuar-Funden wieder.

Spekulationen um Jesus, Maria Magdalena und die Kreuzigung

Viele dieser Betrachtungen gehen nahtlos ineinander über. Wenn Kollmann zum Beispiel die Textfunde aus Qumran und Nag Hammadi beschreibt, kommen zum einen die vermeintlich geheimen Fragmente des Markusevangelium (Qumran) zur Sprache sowie die sogenannte „Bibel des Häretiker“ (Nag Hammadi). Beide Funde tauchen aber auch wieder in dem Kapitel über Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ auf. Hier führt Kollmann die Beweisführung Browns ad absurdum, indem er darauf hinweist, dass sich der Schriftsteller auf Dokumente stützt, die bereits zweifellos als Fälschungen enttarnt wurden. Zugleich entkräftet er die Verschwörungstheorien des Autoren-Trios Lincoln, Baigent und Leigh, die in ihrem Buch „Der heilige Gral und seine Erben“ behaupten, dass Jesus zusammen mit Maria Magdalena Nachkommen zeugte. Diese Gedankenkonstrukte mögen zwar spannend sein, können wissenschaftlich aber nicht belegt werden, zumal sich die Behauptung zum Teil auf eben jene Berg- und Wüstenfunde aus Qumran und Nag Hammadi stützt.

Angeblich soll die Kirche einige Textfragmente mit zu brisantem Inhalt zurückgehalten haben. Da die Untersuchungen der Schriftrollen und Codices aber von der Öffentlichkeit sehr stark verfolgt wurden, wäre das nur schwer möglich gewesen, zumal sich die Autoren selbst verrennen, indem sie sich auf aramäische Fragmente beziehen, die in der Realität allerdings in koptischer Sprache geschrieben wurden. Selbige Argumentation greift dann auch bei Michael Baigents Buch „Die Gottes-Macher“, in dem der Autor behauptet, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben ist. Sämtliche hier aufgestellte Hypothesen sind aus der Luft gegriffen, hören sich schön und vor allem spannend an, können wissenschaftlich aber in keiner Form belegt werden.

Nüchterne Betrachtung in „Die Jesus-Mythen“

Vor allem die nüchterne Sachlichkeit von Bernd Kollmann macht sein Buch „Die Jesus-Mythen“ zu einer bodenständigen Lektüre, die nicht um Aufsehen heischt, sondern sämtliche Sensationen und Legenden wissenschaftlich betrachtet. Was faktisch bewiesen ist, wird bestätigt. Alles andere wird zumindest als interessant aber eben als nicht wahrscheinlich eingestuft – egal, ob diese Spekulationen nun für oder gegen die Kirche sind.

Bernd Kollmann: Die Jesus-Mythen. Herder 2009. Gebundene Ausgabe, 200 Seiten. Euro 14,95.

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